Mozart und Mahler an der Ägäis

Historisches Dorf und Burg von Molyvos

Mozart und Mahler an der Ägäis

Das Molyvos International Music Festival auf Lesbos

15. August 2018
15:05, Tonart, WDR3

2015 war kein gutes Jahr für Griechenland. Die Finanzkrise trieb Hellas an den Rand des Bankrotts, Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan strandeten zu Tausenden auf griechischen Inseln, vor allem auf Lesbos. Von der türkischen Küste bis nach Molyvos, einem kleinen Dorf im Norden von Lesbos, sind es keine 10 Kilometer. Hier kamen besonders viele Flüchtlingsboote an. Zufällig in diesem Krisenjahr 2015 startete in Molyvos aber auch ein Festival für klassische Musik, das Molyvos International Music Festival. Initiiert von den deutsch-griechischen Schwestern Danae und Kiveli Dörken und dem Unternehmersohn Dimitri Tryvos.

Die Pianistinnen Kiveli und Danae Dörken haben die Sommer ihrer Kindheit in Molyvos verbracht. Der griechische Teil ihrer Familie stammt aus dem kleinen Dorf mit seinen weiß getünchten Häusern und Terracotta-Dächern. Seitdem geben jedes Jahr international renommierte Musiker zwei Wochen lang Konzerte auf der Burg von Molyvos und an anderen malerischen Orten der Insel. Mit ihnen kommen allmählich auch die Touristen zurück. Sylvia Systermans hat mit Bewohnern von Molyvos gesprochen, was Mozart und Mahler an der Ägäis für sie bedeutet und Musiker bei ihren Konzerten begleitet.

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-tonart/audio-das-molyvos-international-music-festival-100.html

https://www.ardmediathek.de/radio/Cluster/Mozart-und-Mahler-an-der-%C3%84g%C3%A4is/SWR2/Audio?bcastId=12864176&documentId=55181900

https://www.br.de/mediathek/podcast/klassik-aktuell/das-molyvos-international-music-festival-auf-lesbos/1124175

Schubert unter freiem Himmel. An die 200 Zuschauer sitzen auf Klappstühlen und lauschen dem deutsch-türkischen Arkas-Trio. Der Ort: eine prähistorische Ausgrabungsstätte auf Lesbos. Zwischen Siedlungsresten aus der Bronzezeit: eine provisorische Bühne mit Konzertflügel und kleiner Beschallungsanlage. Starker Wind zaust an den Notenblättern und Helfer haben alle Hände voll zu tun, damit sie nicht wenige Meter entfernt ins Meer flattern. Am Horizont glimmen Lichter vom türkischen Festland. Vor hundert Jahren flohen hier über die Meeresenge tausende Griechen aus der Türkei und suchten auf Lesbos Schutz vor Verfolgung. Schubert, Wind, Meer, Zikaden und eine wechselhafte Geschichte. Alles fließt zu einer großen Sinfonie zusammen.

Konzert in Sanctuary of Napean Apollo, Klopedi. Molyvos 11.08.18

Das Open Air-Konzert an der Ostküste von Lesbos ist eine von mehreren Pre-Festival Activitis an verschiedenen Orten der Insel, bevor das eigentliche Festival auf der byzantinischen Burg von Molyvos beginnt. Ein tatkräftiges Team um die beiden deutsch-griechischen Schwestern Danae und Kiveli Dörken hat das Festival vor vier Jahren auf die Beine gestellt.

Molyvos Castle mit Kiveli und Danae Dörken

Molyvos Castle mit Kiveli und Danae Dörken

„Meine Schwester und ich haben dieses Festival-Leben immer sehr, sehr geliebt, die Atmosphäre mit andern Musikern zusammen Musik zu machen, das war immer etwas, was uns extrem viel Spaß gemacht hat.“

Aufgewachsen sind die heute 23 und 27 Jahre alten Schwestern in Deutschland. Der griechische Teil der Familie stammt aus Molyvos, einem 1400 Seelen-Dorf im Norden von Lesbos. Malerisch schmiegen sich im historischen Dorfkern weiß getünchte Häuser mit Terrakotta-Dächern in den Berg. Über schmale Gassen gelangt man zur Burg. Von dort blickt man runter auf die Bucht, den kleinen Fischerhafen, das Meer und die umgebenden Berge mit ihren Kiefern und Olivenbäumen. Der perfekte Ort für ein klassisches Musikfestival, sagt Kiveli Dörken.

Historisches Dorf und Burg von Molyvos

Historisches Dorf und Burg von Molyvos

„Gleichzeitig waren wir immer sehr positiv gestimmt, wenn wir an einem Ort gespielt haben, der außergewöhnlich war und der nicht der klassische Konzertsaal war. Und gleichzeitig kamen wir jeden Sommer nach Molyvos und haben unseren Beruf geredet und verstanden, dass viele Leute hier sehr wenig Erfahrung damit haben. Und da dachten wir, dass das etwas ist, das wir den Leuten hier zurückgeben können.“

Von Festivals wie „Spannungen“ in Heimbach ihres Lehrers Lars Vogt haben sich Kiveli und Danae Dörken einiges abgeguckt wie so ein Großprojekt funktioniert. Ihr eigenes Konzept haben sie dann auf die Anforderungen und Gegebenheiten einer Insel zugeschnitten, auf der klassische Musik bis dahin nicht stattgefunden hatte.

„Ich fing an, ein, zwei Jahre vorher, die Leute zu befragen, was würdet ihr davon halten, wenn wir so was machen könnten und langsam ist es uns gelungen, die Leute mit einzubeziehen.“

Lito Dakou, die Mutter von Kiveli und Danae Dörken, ist das logistische Kraftzentrum des Festivals. Vom Restaurantbesitzer bis zum Taxifahrer hat sie die Bewohner im Dorf von der Festival-Idee überzeugt. Unzählige Ehrenamtliche wirken Dank ihrer Initiative mit. Allen voran junge Volontäre.

Festival-Praktikanten Musical Moments, Molyvos

Festival-Praktikanten Musical Moments, Molyvos

Sie verkaufen Programmhefte, weisen Besucher auf ihre Plätze ein oder laufen mit Festival-T-Shirts durch die Gassen von Molyvos und kündigen auf Schildern einen der sogenannten Musical Moments an. Kleine Straßenkonzerte, die die Musiker am Hafen, vor Bars, Geschäften und Cafés geben.

Vor einer kleinen Galerie finden sich erste Zuschauer ein, sitzen auf Steintreppen, suchen Schatten unter Oleanderbüschen, Musiker stellen ihre Notenständer auf. Ein Septett von Adolphe Blanc steht auf dem Programm.

Musical Moment, Molyvos

Musical Moment, Molyvos

Kiveli Dörken: „Die ganze Idee, worum sich das Festival dreht, ist die Nähe zum Publikum und alles zugänglich zu machen. Natürlich, weil uns bewusst war, dass wir etwas herbringen, das keiner kennt. Und wir sind sehr, sehr dankbar, dass sie das so annehmen, weil sie schon glaub ich merken, dass das eine Qualität ist, die nicht so einfach sonst zu kriegen ist. Ich weiß nicht, in wie vielen anderen Orten ein Max Hornung und Sebastian Mantz und Lars Vogt auf der Straße spielen.“

Unter den Zuschauern ist Dimitris Tryfon. Braungebrannt, Shorts, Kapitänskappe. Sohn eines griechischen Pharma-Unternehmers und Hotelbesitzers aus Molyvos und mit 26 Jahren im Alter von Danae und Kiveli Dörken. Er hat das Festival mitgegründet und ist der Hauptsponsor.

“Ich unterstütze das Festival, weil ich glaube, dass Molyvos ein passender Ort ist um Kultur-Tourismus zu entwickeln. Meine Familie hat hier ein Hotel und dann hatte ich die Möglichkeit, mit Danae und Kiveli das Festival zu gründen.“

Konzert Metochi Studi Centre, Molyvos 9.8.2018

Konzert Metochi Studi Centre, Molyvos 9.8.2018

2015 ging das Molyvos International Music Festival an den Start. Ein Jahr, in der sich die Finanzkrise in Griechenland dramatisch zuspitzte. Mit drastischen Folgen auch für die Kultur, erinnert sich Kiveli Dörken.

„Ich weiß noch im ersten Jahr, wo das Festival stattfand, gab es das Gerücht, dass das Megaron Mousikis, das ist die Berliner Philharmonie von Griechenland, geschlossen werden würde wegen fehlender finanzieller Unterstützung und es gab sämtliche von diesen Gerüchten, dieses Orchester schließt und dieser Saal schließt und dieses Festival geht pleite, es war eher eine Atmosphäre von einem extremen Abbau des Kulturlebens und das war auf jeden Fall eine zentrale Extramotivation dagegenzuhalten.“

Völlig unvorbereitet traf die Festivalmacher ebenso wie die Inselbewohner, als im selben Jahr mit einem Mal täglich hunderte Flüchtlinge am Hafen von Molyvos strandeten, beschreibt eine Hotelbesitzerin mit leiser Stimme.

“In der ersten Zeit war nichts organisiert, wir haben hier eine große Katastrophe erlebt, es war wie im Krieg. Wir hatten keine Unterkünfte für die Flüchtlinge, nicht genug zu essen, nicht genügend Kleidung. Es war tragisch. Wir wollten helfen, aber wenn es keine Infrastruktur gibt, kann man als Einzelner kaum etwas tun. Vor allem für die Flüchtlingskinder ist es furchtbar unter solchen Bedingungen zu leben. Viele gehen zwar inzwischen zur Schule, aber ich weiß nicht, welche Zukunft diese Menschen haben.“

Die ungewisse Zukunft für tausende Geflüchtete, die bis heute im abgeriegelten Lager Moria unter schlimmsten Bedingungen hausen, ist erdrückend. Für die Bewohner von Molyvos eskalierte die Krise 2016, als Touristen Flüge stornierten und Hotels leer blieben. Bis heute sind die Folgen zu spüren, sagt ein Taxifahrer.

2016 war das schlimmste Jahr, viele Leute haben Arbeit verloren und die Löhne sind etwas niedriger geworden.

Auch wenn die dramatischen Entwicklungen nicht vorauszusehen waren – das Festival zu verschieben stand nie zur Debatte. Tagsüber packten Musiker mit an, wo es möglich war, verteilten mit den Einheimischen Wasser, Essen und Kleidung an Kinder, Frauen und Männer vor allem aus Syrien, suchten den Dialog. Abends spielten sie Mahler, Strauß und Smetana. Für viele Inselbewohner ein großes Glück.

Das Leben geht weiter und man erlebt etwas Schönes in einer extremen Situation wie dieser. Man erlebt Freude und Hoffnung.

Die Proben für die Konzerte auf der Burg in diesem vierten Festival-Jahr sind in vollem Gange. Aus geöffneten Fenstern im Probenraum am Hafen dringt Milhaud und Saint-Saens, während die Restaurants von kleinen Transportern mit frischem Fisch und Gemüse beliefert werden.

Hafenrestaurant-von-Molyvos

Hafenrestaurant von Molyvos

Zwei Konzertflügel sind schon mit schwerem technischem Gerät über steinige, steile Fußwege auf die Burg geschafft worden. Das Unmögliche möglich machen, dafür ist das Team um Kiveli und Danae Dörken und Dimitris Tryfon angetreten.

“Wir sind jung, wir sehen keine Gefahren oder Schwierigkeiten. Wir wollen etwas schaffen, das ist sehr wichtig. Die Generation meines Vaters leidet vor allem psychologisch. Sie ist von der Krise getroffen worden und konnte sie nicht lösen. Aber die Jugend ist hier, um die Krise zu überwinden. Wir sollten einfach Dinge schaffen und nach vorne schauen.“

Musiker und Crew Molyvos Castle 17.08.18

Musiker und Crew Molyvos Castle 17.08.18

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